Dienstag, 7. April 2015

"Wer andere einen Hegel schilt, ist selbst so ein gEsell."

Über das seltzame Schicksal des teutschen Sprach-geprängs


"Wie des Mahlers Farb-gemeng /
So ist unser Sprach-gepräng"
Bei der Lektüre von Grimmelshausens Deß Weltberuffenen SIMPLICISSIMI Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel (1673) können dem aufmerksamen, philosophisch nur gar so einigermaßen geschulten Leser ein paar gewisse Wunderseltzamkeiten auffallen, die gehörige Rätsel aufgeben. Dieser Text, geschrieben aus der Perspektive des Signeur Meßmahl, befasst sich satirisch mit der Frage, ob und inwiefern das Erlernen von Fremdsprachen im Allgemeinen und der Gebrauch von Fremdwörtern im Besonderen von Nutzen sei. Ergebnis: Fremdsprachen zu lernen sei in jedem Fall gut und zivilisierend, der übermäßige Gebrauch von Fremdwörtern zu Zwecken der Pralerey unnütz und plump (wo sie allerdings Spaß machen, witzig sind und vom Anwender verstanden: prima), Versuche, die Sprache von fremden Einflüssen rein und sauber zu halten seien dagegen rettungslose Albereyen. 

Bei der Lektüre des Schriftstücks fällt allerdings  vor allem denjenigen wenigen, die bisher dachten, die deutsche Redewendung des "an und für sich" basiere auf einer Verbreitung und Vulgarisierung des Hegelianismus  auf, dass dem so ganz gar nicht nicht der Fall sein kann, Hegel zu Zeiten Grimmelshausens vielmehr schon vollständig vorerfunden, vor-, zuende- und weitergedacht war. Deutlich wird dies zunächst an folgender, auf den ersten Blick recht unscheinbarer Passage: 
Also ist mir hingegen unmöglich das Lachen zu verhalten / wann ich sehe / wie hochtrabend ein Teutscher herein tritt / so bald er nur ein wenig von unserer Nachbarn zusammen geflickten Sprachen verstehen und daher lallen kan! ob sie gleich unserer vollkommenen in / an / und vor sich selbst bestehenden Teutschen Helden-Sprach weder an Güte noch Alterthumb das Wasser nit zu bieten vermögen. 
Wer der vollkomminin Teutschen Helden-Sprach beherrscht, und wann er auch noch so ein Manns-Mensch sei, der merkt sofort, dass hier doch wohl gewaltig was im Busch brennt. Vor allem wird noch schneller klar, dass Hegel, der sich zur Zeit seines Schaffens leider mit einer schon beinahe vollkommen verknöcherten und durchkodifizierten Sprache konfrontiert sah, offenbar nur noch zwei drittel der ganzen Wahrheit zur Verfügung standen. Und so ist neben den Kategorien des Ansichseins und des Fürsichseins die Kategorie des Insichseins in seinem Werk im Großen und Ganzen doch schon so ziemlich stiefmütterlich behandelt. [Obwohl, vielleicht, nagut...]. 

Eingehendere Untersuchung förderte sodann zutage, dass die zitierte Passage nicht die einzige explizite Hegel-Vorwegnahme in dem kleinen Texterl ist. An einer Stelle, an der Signeur Meßmahl dazu anhebt, "von einer dritten Gattung Sprach-Helden" zu handeln  welche, "damit jeder Bänne [Geselle heißt das wohl, d.V.] wisse / was sie vor gelehrte / erfahrne und viler Sprachen kündige Leuth seyen / [...] beydes ihre Reden und Schrifften / wann es gleich gantz ohnnöthig / dermassen mit fremden Wörtern anfüllen / verbremen und außspaffiren", dass selbst Calepinus sich ihnen als Dolmetscher angeboten hätte  bemerkt der Autor:    
Ich bin auch so freygebig / dieselbe von meinen tractamenten nicht außzuschliessen / die ihre aigne angeborne teutsche Tauff- und Zunamen verlateinisiren oder gantz Griechisch dargeben; und ob sie gleich einige deßwegen anfechten: und ihnen vorwerffen wolten / daß sie hierdurch ihren Vatterland die Ehr stehlen / und solche anderen Nationen anhencken / daß es so erleuchte Männer an ihnen geboren und hervor gebracht (massen die Nachwelt auß denen verunteutschten Namen / die sie ihren Schrifften vorzusetzen pflegen / sie mehr vor Griechen oder Lateiner / als geborne Teutsche halten würdet) so seynd sie mir doch liebe Gäst; stehets doch einem jeden frey / sich einen Hegel schelten zulassen / warumb solten wir uns selbst dann unser Gebühr nit gönnen?
Auch zu Grimmelshausens Zeiten konnte man sich also bereits einen Hegel schelten lassen / und zewar enich zu kenapp. Was allerdings für Grimmelshausens Zeitgenossen ein rechter Hegel war, das lässt sich nicht so ohne weitres gar so leicht nicht eruirn. Ob Hegel am Ende gar etwa möglicherweise bloß eine verspätete, nachträgliche Erfindung des Verfassers des Simplicianischen Zyklus gewesen wäre, stand zunächst völlig außer Frage. Es bedorfte daher schon einiger Recherchen, um Licht in das Dunkel dieser doch recht curiosen Nachträglichkeit zu tragen.

Glücklicherweise fanden sich schließlich in Grimms Wörterbuch unter dem Stichwort "Hegel" folgende Einträge:
1) stier, zuchtstier, vergl. unter taurus sp. 151. schweiz. hegi zuchtstier Tobler 260b. 
2) narr, querkopfschweiz. hegel, baurenhegel grobian Stalder 2, 30; im Aargau wird der eigenname Heinrich in den spottnamen Heichel, Zürih-Hegel 'querkopf' umgesetzt. Rochholz bei Fromm. 6, 458b; es rührt das mundartliche verbum hegeln, 'hernehmen, mit worten oder schlägen, auf eine niedrige art foppen' (Stalder a. a. o.), bair. hegeln zum besten haben, aufziehen, necken (Schm. 2, 164), schwäb. hegen plagen (Schmid 268) an; als die den hegel gefoppet (officiere einen neuen ehemann), er würde mir (der frau) die hosen lassen müssen. Simpl. 3, 40 Kurz. 
3) vielleicht hieran anschlieszend wurden in Nürnberg die öffentlichen spruchsprecher, gelegenheitsdichter der niedrigsten art hegel, hegelein genannt (neben hängelein sp. 439): noch auch ungepeten nyemant zu essen geben sollen, dann pfeifern, hegeln und pusawnern, die inn auf dieselben zeit zu dem tanz hofieren und dienen. Nürnb. polizeiordn. 90; dem hegelein, der zum tanz ledt. s.79; dem hegelin. s. 91. 
4) hegel, schweizauch eine schlechte art zulegemesser, mit hölzernem griff. Stalder 2, 30. Tobler 260.
Was ein rechter Hegel ist, war also damals wie heute offenbar schon auf recht ähnliche Weise klar. Und wäre ja dann doch wohl recht besehen von Hegel selbst sich selbst und seinem ihm in sein eigenes Schicksal schon vorweglaufenden Namen gegenüber eine historisch recht gerechte Geste, sich da mit seinem Hegel-Werk "sichselbstsetzend" und zugleich "sichanderswerdend mit sich selbst" in / an / und vor sich selbst so deutlich in die Stelle hineinzuhegeln, die ihm sein Name in der Sprache so schön vorgezeichnet hat.
Ja / möchte mancher sagen / soll man drumb keine Sprachen lernen / sonder ein unwissender gEsell bleiben / wie du villeicht einer bist?
Wahrscheinlich lieber nicht.

Freitag, 13. Februar 2015

Für einen „militanten Humanismus“. Aufruf zur Reaktivierung einer Idee Thomas Manns

Man kann es ruhig zugeben: Hinter unserer Erschütterung, hinter unserer Empörung angesichts der Bilder der Grausamkeit, die uns in den letzten Monaten mit erschreckender Regelmäßigkeit erreichen, verbirgt sich noch ein tieferes, ein noch unheimlicheres Gefühl. Ob die fundamentalistischen Anschläge der jüngeren Vergangenheit, der anhaltende Terror der IS oder von Boko Haram: die Bilder, die wir zu sehen bekommen, die Taten, von denen uns berichtet wird, erzeugen in uns ein Gefühl fataler Hilflosigkeit. Dabei ist es nicht allein die Bereitschaft der Kämpfer und Attentäter, selbst bei ihren Anschlägen zu sterben, nicht nur ihr kühler Heroismus, der in uns ein solches Gefühl der Hilflosigkeit weckt, sondern die unverhohlene, explizit ausgestellte Wahl ihrer brutalen Mittel. Während wir in unserer – immer noch verhältnismäßig gemütlichen – Zivilisations-Komfortzone inzwischen dazu übergegangen sind (glücklicherweise!), öffentlich über die implizite Gewalt von alltäglichem Sexismus und die psychischen Langzeitfolgen von Mobbing in der Schule zu diskutieren, erscheinen uns die Bildern, auf denen Männer und Kinder abgeschlagene Köpfe in heiterem Triumph in die Kameras halten, als seien sie schlicht nicht (mehr) aus unserer Welt.  

Was ist es aber eigentlich, das uns an diesen Bildern solche Angst bereitet? Es ist nicht so sehr die Angst, selbst von einem Anschlag getroffen zu werden (die Wahrscheinlichkeit hierfür ist, wie die Statistiken uns lehren, verschwindend gering). Es ist die Ahnung, dass der Fanatismus, der Fundamentalismus, der aus solchen Handlungen spricht, allen Zweifel, jede Unsicherheit, jedes Zögern hinter sich gelassen hat. Und es sind gerade unser Zögern und unser Zweifeln, die uns diesem gegenüber so hilflos machen. Die humanistische Grundhaltung, wie wir sie kennen und (in großen Teilen zumindest) immer noch kultivieren, gerät in der Konfrontation mit einem solchen Fanatismus an eine Grenze, die sie hilflos und beinahe lächerlich erscheinen lässt. 

Ein solches Dilemma des Humanismus brachte Thomas Mann 1936 wie folgt auf den Punkt: 
„In allem Humanismus liegt ein Element der Schwäche, das mit seiner Verachtung des Fanatismus, seiner Duldsamkeit und seiner Liebe zum Zweifel, kurz: mit seiner natürlichen Güte zusammenhängt und ihm unter Umständen zum Verhängnis werden kann. Was heute nottäte, wäre ein militanter Humanismus, ein Humanismus, der seine Männlichkeit“ – als gegenwärtiger Leser darf man ‚Männlichkeit‘ hier wohl mit ‚Unnachgiebigkeit‘ und ‚Stärke‘ identifizieren – „entdeckte und sich mit der Einsicht erfüllte, daß das Prinzip der Freiheit, der Duldsamkeit und des Zweifels sich nicht von einem Fanatismus, der ohne Scham und Zweifel ist, ausbeuten und überrennen lassen darf.“
Den Humanismus wollte er dabei allerdings nicht „philologisch“ verstanden wissen, nicht als eine Sache für ein paar bibliophile Alteuropäer, sondern als 
„eine Gesinnung, eine geistige Verfassung, eine menschliche Stimmung, der es um Gerechtigkeit, Freiheit, um Wissen und Duldsamkeit, um Milde und Heiterkeit, zu tun ist; auch um den Zweifel, – nicht um seiner selbst willen, sondern um den Zweifel als ein Werben um die Wahrheit, eine liebende Bemühung um sie, die höher steht als aller Wahrheitsbesitzerdünkel.“ 
Ebenjener „Wahrheitsbesitzerdünkel“, der sich frei gemacht hat von allem Zögern und Zweifeln, spricht aus der Brutalität, mit der wir uns heute konfrontiert sehen. Er provoziert die ahnende Befürchtung, dass es mit Freundlichkeit und Toleranz, mit einer zweifelnden, duldsamen Haltung im Angesicht aggressiver Fanatismen und Fundamentalismen langfristig nicht mehr getan ist. 

Man könnte nun vermuten, dass hinter den neo-konservativen Bewegungen, die in den letzten Jahren unter verschiedenen Namen (Sarrazin, AfD, PEGIDA, …) ihre Erfolge feierten (und diese – trotz aller vorschnellen Schadenfreude über das klägliche Zerbröseln von PEGIDA – in den kommenden Jahren auch noch weiter feiern werden), letztlich eine ähnliche Befürchtung steht. Was diese aber dem diffusen Gefühl der Bedrohung entgegensetzen ist gerade nicht die Haltung, die Thomas Mann als eine humanistische beschreibt. Es ist vielmehr eine Haltung, die sich ihrerseits anheischig macht, die unangenehmen, grundsätzlichen Wahrheiten endlich offen auszusprechen, denen die weichgespülten, „linksversifften“ Medien angeblich nicht mehr ins Auge zu blicken wagen. Was in aller unangenehmen Deutlichkeit in den „Lügenpresse“-Rufen laut wurde ist ein neu-definitiver Ton, eine Selbstgefälligkeit der eigenen Lagebeschreibung, die gerade uns Zögerlichen fehlen. Diese Selbstgefälligkeit ohne allen Selbstzweifel ist es, die die islamistischen und die neu-konservativen Fundamentalismen miteinander teilen – und die sie zugleich so unheimlich macht.

Was sich in der lautstark geäußerten Kritik an der Verweichlichung der Europäer, ihrer politischen und medialen Vertreter bahnbricht – Pirinçci neues Buch soll bezeichnenderweise „Die große Verschwulung“ heißen –, ist eine Verachtung für die humanistischen Ideale selbst. Der humanistischen Ideale, insofern gerade sie es zu sein scheinen, die uns gegenüber fundamentalistischen Positionen so hilflos machen: Zögern, Zweifel, Duldsamkeit – sie alle erscheinen aus dieser Perspektive als nichts anderes als die lächerlichen Leuchtreklamen unserer humanistischen Schwächlichkeit. 

Wie aber sollte ein streitbarer Humanismus aussehen, der sich selbst auch als er selbst zu verteidigen weiß? Ein Humanismus, dessen Votum für Duldsamkeit und Zweifel ihn im Angesicht neuer Fundamentalismen nicht hilflos erscheinen lässt? 

Humanismus ist – hierin wahrscheinlich der Demokratie verwandt – langsam und anstrengend. Aber es ist genau dieses Votum für die Anstrengung, für den Zweifel und das Zögern, die die eigentliche Stärke, die Faszination und letztlich auch den Wert des Humanismus ausmachen. Das humanistische Zweifeln ist – und es ist eine sehr große Herausforderung, das zu erkennen – eine Haltung, die ihren Halt in der Rückhaltlosigkeit findet. Er ist ein Heroismus, der darin besteht, auf die Weichlichkeit falscher Letztbegründungen zu verzichten und der sich stattdessen der Unheimlichkeit der immer nur zweitbesten Gründe aussetzt. Der heroische Zweifel ist eben kein Fundament im Sinne eines Fundamentalismus. Und gerade hierhin liegt seine Stärke: In seiner Unnachgiebigkeit des Infragestellens, die keine falsche Flucht in vermeintliche letzte Gründe und abschließende Sicherheiten zu akzeptieren bereit ist. 

Was heute nottäte, sind Personen, die dieser Haltung eine Kontur verleihen, sie gegen all jene verteidigen, die ihrerseits aus nachvollziehbarer Schwäche und Angst vor Fundamentalismen in neue Fundamentalismen zu flüchten versuchen, die ihnen klare und eindeutige Bilder der Lage versprechen. Das bedeutet allerdings auch, sich all jenen argumentativ entgegenzustellen, die diese Haltung heute zugunsten von verführerischen neuen Eindeutigkeiten infragestellen, sie nicht aus falscher Hochnäsigkeit oder Sorge vor deren Wiedererstarkung zu ignorieren und auszublenden, sondern sie frontal, argumentativ, überall und immer wieder anzugreifen.
 
Wenn dies die Haltung eines „militanten Humanismus“ auszeichnet, dann sollten wir damit wohl nicht länger zögern.

Freitag, 16. Januar 2015

Das Gehäuse als Widerstand der Natur gegen ihre totale Technisierung.
Das Verschwinden des Technischen als Fluchtpunkt der Technik

Es gibt Autoren, die in Anlehnung an die Idee der Aufklärung von einer Geschichte der immer weiter fortschreitenden "Explikation" sprechen (Sloterdijk). Die Geschichte sei also mitunter aufzufassen als eine schrittweise Explikation alles zunächst und zumeist Impliziten, unverstanden Vorausgesetzten, Selbstverständlichen. Und so endet folgerichtig eine als Explikationsgeschichte vorgestellte Geschichte am idealen Endpunkt einer vollumfänglich entkleideten, geheimnisslosen Welt, die keine Fragen mehr offen lässt. Die Natur mag es zwar lieben, sich zu verbergen, die Geschwindigkeit ihrer sich selbst verbergenden Einwicklung (Implikation, Einfaltung) wird aber auf Dauer mit der Geschwindigkeit ihrer Auswicklung, ihrer theoretischen Entfaltung nicht schritthalten. Fluchtpunkt Geheimnislosigkeit - man könnte eine solche Entwicklung wirklich irgendwie romantisch bedauern, sofern sie denn zutreffen würde.

Heute wird gegenüber solchen Träumereien deutlicher, dass das Phantasma finaler Naturtransparenz für Menschenwesen (zum Glück, wie auch immer) wohl ein solches bleiben wird. Natürlich, es mag möglicherweise irgendwann Maschinen geben, die unsere avanciertesten physikalischen Theorien autonom so weit weiterzuentwickeln imstande sind, dass sie alle Weltprozesse (einschließlich ihrer selbst natürlich) generell restlos (trotz scheinbar drohender Mengenparadoxien) zu beschreiben vermögen. Allein, wie sollte es Menschen möglich sein, eine solche Theorie noch zu begreifen? Sie stünde höchstwahrscheinlich einfach so - unverstanden und richtig - alleine vor sich herum; und wäre somit eigentlich eine recht wunderbare Angelegenheit, sofern sie ihre Geltung nicht länger vor dem unzuverlässigen Gericht der Menschenvernunft zu verantworten hätte. Sie wäre einfach da, für niemand bestimmten einzig und allein korrekt.

Selbst, wenn dies aber unmöglich sein sollte, so ist doch immerhin klar, dass zumindest unser alltäglicher Umgang mit der Welt notwendig und immer auf einem Verzicht auf relativ große Pensen an explizitem Wissen beruht. Ein grundsätzliches Vertrauen auf das sich uns aus bisherigen Erfahrungen nehelegende "und so weiter" (Schütz) ist unverzichtbar, sofern man nicht in den praktischen Abgrund der skeptischen Kontinuitätsbezweiflung fallen will. Heidegger spricht diesbezüglich sogar davon, dass wir die Gegenstände unseres alltäglichen Umgangs gerade dadurch in ihrem Sinn verstehen, dass wir es "dabei bewenden lassen", womit es mit diesen Gegenständen jeweils "sein Bewenden" hat: deren "Bewandtnis". Sinnhafter Umgang mit der Welt beruht also gerade auf einem Verzicht auf deren erklärendes Verstehen, beruht gerade darauf, es bis auf weiteres mal gut sein zu lassen. (Geht schon. Funktioniert ja. Isso.) Und selbst wenn die Einzelne im Einzelnen weiß, wie ein Computer funktioniert, muss sie dieses Wissen überhaupt nicht beanspruchen, um ihn zu gebrauchen. Man muss aber auch nicht wissen, wie eine Orange im Zusammenspiel mit unserer Verdauung das macht, dass sie uns wertvolle Nährstoffe zuführt, um eine Orange zu essen. (Funktioniert einfach. Geht schon.) Das Auseinandertreten von "Sachverstand" und "Sachbeherrschung" (Blumenberg), das manche Autoren bezüglich der Fortschritte der Technik kritisch in den Blick gehoben haben, zeichnet also ganz allgemein unseren Zugang zur Welt aus. Ob man nicht weiß, wie das Wachstum eines Baumes oder wie der Motor eines Autos funktioniert, macht dabei keinen grundsätzlichen, allenfalls einen graduellen Unterschied.


Einen signifkanten Unterschied macht allerdings die Richtung, in die der technische Fortschritt selbst voranschreitet: Die Geschichte des technischen Fortschritts lässt sich gegenüber einer möglichen Explikationsgeschichte gerade beschreiben als eine Geschichte fortschreitender Implikationen. Eine Geschichte schrittweiser Einfaltungen also, in denen zunächst Explizites, Auffälliges schrittweise invisibilisiert, impliziert wird. So zeichnete sich die alte Technik stets dadurch aus, dass sie auffiel, schwer fiel, irgendwo immer irgendwie im Weg stand. Riesige Kisten und Gehäuse, der erste Fernseher, der erste PC, das erste schnurlose Telefon. Die alte Technike lieferte neue Möglichkeit, aber sie brauchte für deren Realisierung stets jede Menge Platz, der nicht einfach unsichtbar gemacht werden konnte, und der deshalb (aus Gründen der visuellen und habtischen Hygiene) in und hinter Gehäusen verborgen werden musste. 

Das Gehäuse bezeichnet also immer die Verkleidung desjenigen Rests der Technik, der noch nicht restlos impliziert werden konnte. Die Verkleidung desjenigen Rests, der nicht selbst nochmal zu etwas zu gebrauchen ist, sofern ja gerade er es ist, der die technische Funktion ermöglicht. Und so markiert das Gehäuse eigentlich den verbleibenden Widerstand der Natur gegen ihre restlose Technisierung, es verkleidet denjenigen Umstand, den die nicht vollständig abgeschlossene Technisierung darstellt: Das Gehäuse ist eigentlich die Umstandskleidung der Technik.

Worauf die heutige Entwicklung der Technik also auf einer sehr allgemeinen Ebene abzielt, ist recht einfach zu sehen. Der Fluchtpunkt der Entwicklung der Technik ist das Verschwinden der Sichtbarkeit des Technischen der Technik selbst, deren totale Implikation. Was am Ende einer solchen Entwicklung übrigbliebe wäre die reine Funktionalität - ohne verbleibende sichtbaren Restbereich ihrer Realisierung, ohne etwas, das noch aus Verlegenheit eingekleidet und umhüllt werden müsste. Die endgültige Abschaffung des technischen Inneren also, die letztlich auf reine Funktion, reine Oberflächlichkeit zuläuft. Und so sind die Oberflächen mit Funktion der eigentliche Fluchtpunkt der Entwicklung der Technik. Und nur da, wo wirklich noch etwas physisch aufbewahrt werden muss, werden Hohlkörper bleiben: Flaschen, Gläser, Schalen, Hüllen, Kisten.

Während die Möbel durch die natürliche Raumforderung ihrer Funktionen im Wesentlichen bleiben werden, was sie sind, wird das Technische der Technik verschwinden, bis es gänzlich implizit geworden ist.

Samstag, 10. Januar 2015

Evidenzszenarien und Basisevidenz: Unterschätze Bausteine von Theorie

Geisteswissenschaftliche Theorien entstehen nie aus dem Nichts, sie werden von Menschen erdacht und erschrieben. Und das geht mit dem nicht immer erfreulichen Umstand einher, dass Theorien nicht nur argumentativ rechtfertigen und appellieren, sondern sich auch auf vorausgesetzte, vorauszusetzende Evidenzen stützen. Diese vorausgesetzten Evidenzen werden, wenn man sich theoretisch mit ihnen befasst, heute häufig in Analogie zu Überzeugungen modelliert. Diese vorausgesetzten Überzeugungen nennt man dann „Intuitionen“. Intuitionen werden dabei als in propositionale Form überführbare Thesen oder Hypothesen vorgestellt, von denen man nun einmal ausgeht, für die jedenfalls an der jeweiligen Stelle keine eigenständigen Argumente angeführt werden. Solche überzeugungsförmigen Intuitionen werden also in jeder philosophischen Erörterung immer vorausgesetzt (man kann ja schließlich nie alles auf einmal bedenken!). Die Vorstellung, dass diese Intuitionen ihrerseits die Form von Thesen haben (oder aber zumindest thetisierbar sind) ist dabei wichtig, weil in der an der Logik orientierten Philosophie der Gegenwart Thetisierbarkeit die Zugangsbedingung von überhaupt irgendetwas zum philosophischen Diskurs ist. Philosophie ist wesentlich argumentierend, und argumentieren kann man eben nur für oder gegen Behauptungen. Die Philosophie bewegt sich im "Raum der Gründe" - und was nicht thesenförmig gemacht werden kann, kommt eben nicht in die große Thesenverwurstungsmaschine Philosophie.

Allerdings ist es meistens so, dass die vorausgesetzten Evidenzen, die uns Theorien (oder: bestimmte Arten von Theorien) annehmen oder ablehnen lassen, sich gerade nicht (oder vielleicht sogar: wesentlich nicht) in dieser Weise besonders gut explizieren lassen. Vielmehr sind in alle Theorien nicht direkt thetisierbare Basisevidenzen eingelagert: „formale Mythologien“, Evidenzszenarien und Hintergrundmetaphoriken, die dem Gesagten oder Geschriebenen für seine Anhänger erst seinen spezifischen evidenziellen Reiz geben.

„Weltstimmungsgehalte“ (Luhmann) könnte man vielleicht abstrakt sagen, aber das lässt sich noch genauer beschreiben: Eine Theorie kann man sich jenseits der von ihr konkret vertretenen Überzeugungen vorstellen wie eine Art Angriffs- oder Verteidigungs-Zauber, mit dessen Hilfe ihr Anwender sich in einer bestimmten problematischen Situation zu behaupten versucht. Also eine Art Mittel, zu dem man greift, um in einer spezifischen Situation Raum zu gewinnen oder Raum zu verteidigen. Um nun herauszufinden, in welchem Evidenzszenario sich eine bestimmte Theorie bewegt, muss man sich also (auf formalste Aspekte reduziert) die Situation vorstellen, in der die primären Präferenzwerte der Theorie die größten Effekte erzielen würden, die Situation also, auf die der jeweils gewählte Zauber reagiert. Diese Situation nun ist das Evidenzszenario der Theorie, die Situation, in der sich die Theoretikerin zu befinden glaubt und in der ihr die gewählte Art von Theorie/Zauber besonders notwendig erscheint.

Um solche Evidenzszenarien zu beschreiben bieten sich zunächst einfache Oppositionspaare wie die folgenden an (wobei eine Theorie meistens je einen der beiden Werte bevorzugt):

Statisch // Beweglich, Eindeutig // Vieldeutig, Hart // Weich, Fest // Flüssig, Langsam // Schnell, Geschlossen // Offen, Diskontinuierlich // Kontinuierlich, ...

Solche Unterscheidungen siedeln sich auf einer Ebene des Intuitiven an, die relativ eng an den jeweiligen charakterlichen Präferenzen entlangführt, indem sie verschiedenste lebensweltliche Beobachtungs- und Empfindungsbereiche miteinander verknüpft. Jeder Einzelne (ob Theoretikerin oder nicht) besitzt so etwas wie einen Raum der primordialen, pränominalen Evidenzen, in dem sich beispielsweise eine Präferenz für „flüssige“ und „vieldeutige“ Haltungen und Bewegungen entwickelt hat [eine Präferenz für Lächeln zum Beispiel]. Jemand hat etwa das Gefühl, dass das Terrain, in dem er sich aufhält, vor allem durch Erstarrungen und Verknöcherungen strukturiert wird, gegen die es vorzugehen gilt, um sich Luft zu schaffen. Von außen rückt also die Erstarrung heran, die einem den Raum zu nehmen droht, die Welt droht langsam von außen nach innen zu verknöchern. Möglicherweise ist ein solcher Eindruck durch die Erfahrung des unüberbrückbaren und deprimierenden Widerstands motiviert, den man oft gegenüber dogmatischen Verhärtungen verspürt – er muss das aber nicht sein. Die Verhärtungen zu lösen versuchen wird dann die Aufgabe auch der Theorie. Der Verteidigungszauber, den sie einzusetzen versucht, ist also ein Anti-Verknöcherungszauber, der scheinbare Stabilitäten aufweicht und destabilisiert: Anti-Dogmatismus, post-ontologische Intuitionen, anti-identitäres Denken, das Aufweisen von impliziten Voraussetzungen undsoweiter kommen hierzu in Frage. Alles eben, was der Verflüssigung der rundherum verhärteten Positionen dienlich ist. Der allgemeinen Dominanz des Dogmatismus etwas entgegensetzen - Verflüssigung der Welt.

Eine Präferenz für „harte“ und „eindeutige“ Haltungen mag ihrerseits in der Verallgemeinerung von Erfahrung begründet sein, in denen durch Vielstimmigkeiten [das uferlose Durcheinanderreden am Familientisch zum Beispiel], auch: die wiederholte Konfrontation mit unnachgiebiger, unüberzeugbarer Dummheit oder Desorientierung ein Bedürfnis nach der Durchsetzung stabilisierbarer Positionen entstanden ist. Den Streit endlich entscheiden können wollen. In die Lage geraten, den Anderen zur Einsicht zu zwingen. ["Sag endlich, dass du Unrecht hast!" (Es scheint so, dass das vehemente Eintreten für die Zugänglichkeit der Anderen durch Argumente häufig hierauf hinausläuft: Auf den Wunsch, dass der Andere sich von den eigenen Argumenten zur Einsicht zwingen lassen solle, sofern man ja von sich selbst immer schon annimmt, Argumenten zugänglich zu sein.)] Positionen befestigen, Glaube an die Eindeutigkeit dessen, was ein Wort bezeichnet, Definitionen, stützende Argumentationskonstruktionen, Fundierungen, undsoweiter kommen wiederum hierzu in Frage. Dem haltlosen Geschwätz und Gerede ein Ende bereiten, das wird dann hier zur Aufgabe der Theorie. Der allgemeinen Dominanz des uferlosen Geredes Einhalt gebieten - Vereindeutigung der Welt.

"Flüssige Steine im Geviert"

(So oder ähnlich könnte der Versuch einer ersten Annäherung an zwei sehr grobe Evidenzszenarien aussehen.) 

Theorien verlassen sich auf solche basalen Evidenzen, aber sie bedenken sie nicht ernsthaft genug, weil sie stattdessen allzu häufig lieber die Mechanik ihrer Argumentationen bewundern. Und es scheint keine kleine Aufgabe, die Frage zu beantworten, ob und wie sich an diesen basalen Evidenzszenarien etwas ändern lässt, und wenn ja: wie, im Sinne von was, man das überhaupt tun sollte.