Freitag, 10. Mai 2013

"Ich bin zu jung", postironischer schweizer Schlager.


Natürlich laufen Definitionsversuche häufig schief, wenn das zu Definierende bisher noch zu wenig reale Exemplare zu seiner Veranschaulichung angesammelt hat. Die Kohärenz aber wächst, wenn sich um ein Phänomen herum schrittweise mehr Realitäten anlagern. So im Fall der "Postironie":

Die entpuppt sich mehr und mehr als zweiter Ernst [wie man auch von einem "zweiten Frühling" spricht]. Postironie ist das aufgeklärte verlachende Bewusstsein, an dem Ironie zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat. Das Ergebnis ist eine Form neuer Ernsthaftigkeit, die nur unverbesserlich ironische Beobachter noch als Ironie missverstehen.
Postironismus ist der Kynismus der Mediamoderne.
Hier zweimal am Beispiel von Dagobert:



  

Sonntag, 5. Mai 2013

Euer schiefes Verständnis von Ironie ist der Grund für meinen wachsenden Unmut


"Les Jardiniers du Possible" (CC BY-NC 3.0)
Als ich noch DERRIDA bezog, wuchsen zwischen meinen Regionen vermutlich noch authentische Kühe und widerlegten gelegentlich Ursprungsmythologeme. Sie waren natürlich kultiviert, irgendwelche Selbsttechnologien hatten aus ihnen etwas gemacht. Ihre Haltung war teilweise schief. Ich vermute, dass einige an irgendeiner Stelle falsch abbogen: Genealogie fatal. Diese Haltungsschäden wirst du später nie mehr los. Verlorene Schafe. Jedenfalls, als einen Abend die Diskussion auf einmal hitziger wurde und einige insistierten: Ironie sei ja Teufelszeug und ernst den anderen alles zu versuchen erklärten, platzte mir fast die Hutschnur. NIKLAS LUHMANN hatte ihnen nichts mitgeteilt, offenbar vegetierten sie wiederkäuend in ihrer gemütlichen Lektüresphäre: "Wie lang wollt ihr das bitte noch zelebrieren?", fragte einer und zitierte lieber JESSE PRINZ, erläuterte abstrakte Wahrnehmungsgehalte und meinte: DRETSKE unterscheide da ja zwischen digital und analog. Ich nehme wahr: euren stinkigen Muff. Ein anderer wendete ein: die Antwort erst mache ja den Sinn der Frage. Einigen schien das in der Tat geistreich, aber sie wollte sich jetzt nicht mehr aus dem Fenster lehnen; es war schon spät. 

Jedenfalls, auf was das Ganze also am Ende zulief war folgende Phrase: Euer schiefes Verständnis von Ironie ist der Grund für meinen wachsenden Unmut.

Wie schaffen wir den Purzelbaum ins übernächste Quartär, wenn ihr hier so gemeinplatzmäßig, agoragemäß vor euch hin parliert? Euer ganzer Diskurs sitzt ja schon schief am Revers. Und während ihr noch geschichtsvergessen den Konsens herbeiepiphaniert ("Ich hab endlich die Lösung! - und alle stimmen mir zu."), arbeiten im Untergrund Kobolde am hypologischen Reverse: Rückabwicklung des Abendlands: Dein Traum einer eigenen Theorie gebiert bloß Monstren. 
Ironie ist: einen Klerikalen so darstellen, daß neben ihm auch ein Bolschewik getroffen ist. Einen Trottel so darstellen, daß der Autor plötzlich fühlt: das bin ich ja zum Teil selbst. 
(Musil)

Samstag, 27. April 2013

aber mit petra war alles klar


ich beging einen fehler. ich kam bei der nachhilfe vorbei. ich verweilte in traurigen kreisen. ich war bei der polizei. auf einmal stand neben mir petra. petra was bist du denn da. petra betreten als ich petra papier. hast du petra getreten peter. ich war doch die ganze zeit hier! petrar kam langsam aus ihrem heimlichen entlang an meinem seitlichen nah an den gang. ich wollte verreisen aber petra ging einfach da lang. hast du petra getreten peter privater jetzt schwester angelika, unangenehm, verkegelter peter. verkegelte petra an meinen reviers. schläge auch auf papier. petrar ganz langsam mit einem winzigen wort.

ohr.

als ich nachhause kam papa. peter kommt mir das nur so vor. bist du verlegener. peter war ich ich war nicht hier. ich war bei petra papier an meinem seitlichen nah an den gang. peter kuckst du mich bitte an. der peter den du kennst ist weggefahrn papa! ich geh an der seite entlang. du predigst papier. papa.

aber mit petra war alles klar.

[Merkurios_Klotz]

Dienstag, 16. April 2013

Dezentrationgesuche - Über die Möglichkeit einer Beobachtung vorerster Ordnung

„In der Philosophie ist also alles, was nicht Dunst ist, Grammatik [und andersrum].“
(Wittgenstein)
"Einladung zur Unterschreitung"
Gewöhnlich durch den Alltag taumelnd fallen einem kaum auf die fahleren Gefilde halbbewussten Tumults, die sich zwischen die durchsemantisierten Objektbereiche schummeln. Selbst grundlegend dekonzentriert behält meist das Wachheitsmodul die Oberhand, suggeriert trotz blendenden Sonneneinfalls, schief leuchtender Schatten am Turm, röstlichem Gekiefer, schief übereinandergelagerter Seh-Eindrücke wegen zu geringer Objektdistanz, die Kontinuität des Ich-Jetzt-Hier, dem nichts unter der Sonne mal zum Beispiel zumindestens merkwürdig wird. Die Grundkonzentration, der immer mitlaufende "Rest von Subjektivität" (Deleuze/Guattari), hält die Eindrücke auf durchgezogener Sympathielinie, in deren Fluchtpunkt das latente "Ich denke" - meist nicht überdeutlich, aber immerhin doch - vor sich hin glimmt. Normalitätsunterstellung und mittelmäßige Sinnerwartung stabilisieren den alltäglichen Weltraum auf ein Niveau einigermaßen interessanter Gewöhnlichkeit.

Wer aus diesem Spektakel der Normalität ausbrechen will, kann das auf mindestens zweierlei Weisen tun: Durch Austritt aus oder durch Eingang in die Szene.

Das Zurücktreten, der Austritt aus der Szene wird dabei oft mit der vertikalen Bewegungsrichtung assoziiert: Aufsteigen, sich über-/entheben, nach ganz oben gehen, über den Dingen stehen, sich selbst beobachten etc. Wer so vor sich selbst zu sich selbst etwa "Ich" zu sagen beginnt, macht in diese Richtung schon die ersten Schritte: Virtualisierung deiner Seinsinsel, Erweckung des inneren, nicht-rasenden Reporters. Die Berichterstattung hat's inzwischen auch gelernt, sagt nicht mehr: "Auf dem Parteitag demonstrierte die SPD Geschlossenheit" sondern: "Auf dem Partei der SPD sollte Geschlossenheit demonstriert werden." Natürlich ist das noch nicht besonders spektakulär, soll aber anzeigen, dass hier einer die Kunst des perspektivischen Aufstiegs schon zu beherrschen gelernt hat. Darstellung von Aufmerksamkeit und Konzentration bleibt in dieser Richtung trotz Distanznahme möglich, der Beobachter nächsthöherer Ordnung beobachtet immer eine Spur schärfer, einen Tick besser. "Ick bün all dor."

Anders sieht das beim Eingang in die Szene aus. Das Eingehen wird weniger häufig als Möglichkeit der Auflösung alltäglicher Verstrickung aufgefasst, weil es nicht, wie das Höherbeobachten, in die Richtung der Bewusstseinssteigerung zu weisen scheint. Eher im Gegenteil, Eingang in den Dunst heißt: nebulöser Flirt im Diffusionsmilieu, dezentrierende Brechung des Bewusstseinsstrahls am Prisma latenter Unschärfen, da lässt sich nichts mehr einfach so klar und deutlich heraussagen; und das Delirium winkt und schäumt als fröhliche Gefahr am Rande des Weltmunds. Das Hineingehen ist eine Art der Desubjektivierung, die eher an archaischere Formen weisen Schweigens erinnert. Hier wird etwa ein verbergendes Lächeln als wesentlicher Grundbezug zum Weltgeschehen auf einmal wieder plausibel, der ansässige Bauer schüttelt einmal müde mit dem Kopf und wir bleiben auf einmal für immer in der Provinz. Der Blick impliziert sich hier auf einen zerstreuten Pfad, hinter dem die Möglichkeit einer Beobachtung vorerster Ordnung sichtbar wird, die Möglichkeit eines letzten, vorersten Blicks. 
"Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt."
(Kleist)